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Das Denkzeichen. Vollelektronische Kolumne für Zeitgeist und Realitätszuwachs. Redaktion Thomas Martin

Denkzeichen CXXXIII
Philipp Schönthaler, 20. Februar 2017

ORCHID YARDS

Der Vorstandsvorsitzende lächelt, sein Device misst eine erhöhte elektrodermale Aktivität, minimal beschleunigten Puls, aber kein Grund zur Aufregung: Schon blinkt ein Smiley auf dem Display, alles in Ordnung – allmählich erreicht er seine Betriebstemperatur: Performance-Modus. Die Projects sind noch immer das ehrgeizigste privatepublic Redevelopment-Projekt, zumindest in der westlichen Hemisphäre, aus Abu Dabi ist Masdar bekannt, Songdo in Südkorea, vielleicht noch die wesentliche kleinere von Panasonic betriebene Sustainable Smart Town in Fujisawa, Japan, aber sie alle haben auf jeweils unterschiedliche Art und Weise eine ungünstige Entwicklung genommen. Jedenfalls sind die Yards ein bis dato unübertroffenes Sozialexperiment, allein im letzten Jahr beliefen sich die Besucherzahlen auf durchschnittlich 68 000 am Tag, Tendenz nach wie vor steigend. Die 22 LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) zertifizierten Hochhäuser weisen neben der Wohnfläche insgesamt 1 540 000 Quadratmeter Gewerbe-, Verkaufs- und Bürofläche auf, hinzu kommt ein zusätzlicher Wohnkomplex, der in südlicher Richtung an die Orchid Gärten anschließt. Die Yards beherbergen insgesamt 118 Läden, zwei Cafés, eine Bar, zwei Restaurants, ein Luxushotel mit 225 Betten, sowie einen Veranstaltungsort, eine öffentliche Schule mit 340 Plätzen, einen öffentlichen Public Square, sowie den Orchid Park, der sich über sechs Straßenzüge bis zur 37. Straße im Westen erstreckt. Insgesamt können bis zu 32 000 Menschen in den Yards wohnen, eine Stadt in der Stadt, die sich über vier Blöcke in nordsüdlicher, sechs Blöcke in ostwestlicher Richtung ausdehnt, aber all das wäre kaum der Rede wert – wäre diese Stadt nicht schlauer als jede andere Stadt in der Geschichte der menschlichen Zivilisation. Der Vorstandsvorsitzende lächelt. Kein Ort, der eine höhere Dichte an elektronischen Chips und Sensoren aufwiese. Nach drei Jahren können die Betreiber der Projects, die eng mit der örtlichen Universität und einem Verbund internationaler Forschungszentren zusammen arbeiten, auf umfassende Datensätze zurückgreifen, Fußgängerströme, Verkehrsflüsse, Luftqualität, Energieverbrauch, Müllentsorgung, Recycling – sämtliche Zu- und Abflüsse in und aus der Stadt werden kontinuierlich erfasst. Der Energieverbrauch konnte in den ersten drei Jahren drastisch reduziert werden, nur über die aufgewendete Energie der Rechnerleistungen, die in einem siebenhundert Kilometer entfernten Rechenzentrum in Echtzeit verwaltet werden, liegen nach wie vor unterschiedliche Zahlen vor. Zudem ist der Wasserverbrauch gesenkt worden, ein Teil des Abwassers wird direkt in den Yards recycelt. Ebenso zählt die Kriminalitätsrate zu den niedrigsten. Die autonome Reglung von Verkehrs- und Fußgängerströmen hat Menschenansammlungen, egal ob linien-, pulk- oder traubenförmig, trotz der gewaltigen Besucheranstürme weitgehend aufgelöst, der Vorstandsvorsitzende lässt an dieser Stelle stets seine langgliedrigen Finger, als gälte es, die Explosion eines Feuerwerkkörpers zu simulieren, fächerförmig auffliegen, die Hände eines Zauberers, der das weiße Kaninchen soeben in seinem Zylinder verschwinden lässt. Hinzu kommen erschöpfende Daten zu den Bewohnern, Angestellten und Besuchern, deren Lebensgewohnheiten und -qualität, Gesundheit, Happiness Index oder Aktivitätslevel betreffend, sei es hinsichtlich der Infrastruktur im Großen oder des Mikromanagements der Aktiv-Homes im Kleinen, die von der Elektrizität über Temperatur, Lüftung und Licht, bis hin zu Reinigungs- oder Lebensmittellieferdiensten weitgehend selbsttätig gesteuert werden. Die Projects werden von dem visionären Ehrgeiz getragen, das beste living urban environment der Zukunft zu sein – und im Rückblick hat sich die Vorgehensweise, die smarte Technologie der Stadt- und Gebäudeplanung von Anfang an als zentrales Gestaltungselement zugrunde zu legen, gegenüber Initiativen, die versuchen, bestehende Strukturen nachträglich umzurüsten, als weitaus überlegen erwiesen. Der Vorstandsvorsitzende hält sämtliche Daten auf Abruf bereit, in Vorverkaufsgesprächen und Verhandlungen hat er sie bis zur Ermüdung wiederholt, jetzt, mit dem Blick auf den Cisco-Tower im Hintergrund, mit 233 Metern das höchste Gebäude der Yards, zu seinen Füßen das pulsierende Stadtleben, kann er die Umgebung für sich sprechen lassen. Er entspannt sich, lässt seinen Blick über die mit Stoff bedeckten Häupter der Delegationsmitglieder hinweg durch die Glasfront und langsam hinaus ins Freie schweifen.
 
An der Ecke 29. Straße und 10. Ave. ist kurzzeitig eine Lücke entstanden, ein Durchgang, der über den Eingangsbereich einer Bank erneut auf die 10. Ave. zurückführt, und der sofort von einigen Demonstranten genutzt wird, die abseits der Masse gestanden hatten. Als sie aus dem Schatten des Eingangsbereichs auf den Gehsteig der 10. Ave schnellen, ihre Bewegungen im Vergleich zu denen der Polizisten leichtfüßig und wendig, tragen sie ihre hautfarbenen Halstücher, die zuvor noch in der Gesäßtasche oder lose um den Hals geschlungen waren, plötzlich um das Kinn gebunden und bis über die Nasenspitze hochgezogen, die eine oder andere Strumpfmaske ohne großen Ehrgeiz mit menschlichen Gesichtszügen bemalt, Mund, Nase, Ohren, auf der Schädeldecke ein zerpflücktes Wollnest, zudem die ein oder andere Sonnenbrille. Sofort geraten die Polizisten in Bewegung, einige versuchen den Durchgang durch den marmorgetäfelten Eingangsbereich der Bank zu blockieren, wohin schon weitere Demonstranten nachdrängen. Die Polizisten stemmen sich dem Strom mit ihrem gesamten Gewicht entgegen, die Knüppel waagrecht mit beiden Händen wie die Chromreling einer Jacht umklammernd. Ein Polizist, der in die Knie geht, kugelt sich in eine fötale Stellung, bevor ihm Kollegen zur Hilfe eilen; erst jetzt wagt er, seine Füße wieder auszustrecken, den Kopf aufzurichten, mit der Unbeholfenheit eines auf dem Rücken liegenden Käfers wendet er sich um, rappelt sich auf. Auf der Straße versuchen unterdessen Demonstranten vereinzelt die Frontformation der Polizisten zu durchbrechen, die sich aufgrund der Unruhe stellenweise gelichtet hat; bevor die Polizisten unter den energischen Rufen ihrer Kameraden die Lücken erneut schließen, diesmal rücken sie noch enger zusammen, die Leiber von Warmblütlern, die einander nichts als sich selbst zum Schutz gegen die Kälte zu geben haben. Eine kleine Schar, die mit langen Schritten die 10. Ave. hinaufjagt, gefolgt von Polizisten – offiziell wurde ein Vermummungsverbot verhängt –, drei Demonstranten haben die Ordnungshüter bereits erwischt, kesseln sie ein, greifen sie an Armen und Knöcheln, behandschuhte Fäuste, die packen, was sie zu fassen kriegen; wer das Gehen verweigert, wird an Händen und Füßen zum Mannschaftswagen geschleift, hier und da entblößte Hüften, Bäuche, die zwischen Stiefeln und Kampfuniformen sichtbar werden. Noch immer warten die Polizisten auf Anweisungen, an der Straßenmündung sind die Demonstranten noch weiter vorgerückt: Hände skandierend erhoben, halten mobile Endgeräte – Fotos, die geschossen, Videos, die aufgenommen, Text, der versendet, Nachrichten, die empfangen, Neuigkeiten, die verfolgt, Absprachen, die getroffen, Botschaften, die gepostet, Kommentare, die geteilt, Posts, die geliket, Trends, die angestoßen werden, dazu die immer gleichen Parolen, die langsam verebben, aber nur um mit erneuter Emphase angestimmt zu werden, als plötzlich zwei der drei Drohnen, die bisher in einer Dreieckskonstellation in zwanzig Meter Höhe nahezu bewegungslos über der Kreuzung schwebten, nur hin und wieder von einer Windböe ergriffen und aus ihrer Position geworfen, in einer Diagonalen hoch auffliegen, und sich in der Straßenschlucht Richtung 9. Ave. dem Blickfeld entziehen.

Im Konferenzsaal im 52. Stock des Orchid-Towers haben sich die von der Holding engagierten Juristen unabhängig voneinander jeweils einen der Verträge, die in zwei Stapeln nach Sprachen getrennt in mehrfacher Ausfertigung zwischen ihnen lagern, vorgenommen. Daumen und Zeigefinger an der Falz, lassen sie die Seiten durch die Finger gleiten, als wollten sie beiläufig kontrollieren, dass ihre Anliegen noch immer kleingedruckt im Verborgenen liegen. Es ist mittlerweile der vierte Vertragsentwurf, die Verhandlungen sind auf einem guten Weg. An dem Zuschlag hängt nicht nur das Interesse der Holding, sondern das der Stadt, die von dem Auftrag auf vielfältige Weise profitieren würde. Darüber hinaus treibt der Vorstandsvorsitzende die Verhandlungen mit einem persönlichen Ehrgeiz voran, Ende des Jahres wird er aus der Holding ausscheiden, seit eineinhalb Jahren setzt er deshalb alles daran, dass die Vertragsabschlüsse noch in seine Amtsperiode fallen. Dreimal sollen die Yards in identischer Bauweise in die Vereinigten Arabischen Emirate verkauft und dort mehr oder weniger schlüsselfertig errichtet werden. Der Vorstandsvorsitzende geht die Gesichter der Delegationsmitglieder durch, sie sind scheinbar alle in dieselben Kopftücher gefasst, unklar, ob es sich um teure Stoffe oder einfache Baumwolle handelt, der Vorstandsvorsitzende kann keine eingewebten Muster erkennen, er muss unwillkürlich an Bettlaken, dann Kopfkissenbezüge denken, versucht diese Assoziation aber sofort wieder wegzudrängen. Selbst die geflochtenen Kordeln, die um die Stirn gebunden sind, wirken in ihrem einförmigen Schwarz eher wie touristische Ramschware. Der Vorstandsvorsitzende zwingt sich, jeden einzelnen der Delegationsmitglieder für mindestens zwei Sekunden zu fokussieren. Die Delegationsmitglieder erwidern seinen Blick ihrerseits alle mit ernster, geradezu feierlich wirkender Miene – selbst von den Kellnerinnen lassen sie sich kaum ablenken, man hatte sich im Planungsstab vorab sogar über die Rocklänge verständigt: Und in der Tat lassen die Kellnerinnen jetzt an Stewardessen von Emirates denken, vielleicht Arabian Airlines: cognacfarbene Blousons mit Dreiviertelärmeln und blutroten Nähten, um die Hälse transparente, nur von einem Rotschimmer durchwirkte Seidenschals – verwaltete Herzen, ganz um das Wohl ihrer Klienten besorgt. Vor dem aufgewühlten Himmel, der hinter der Glasfront tobt, hat dieses Bild durchaus seine Richtigkeit, sinniert der Vorstandsvorsitzende, bei dem Gedanken hellen sich seine Gesichtszüge umgehend auf.

Eigentlich moderiert er den Übergang zu den Verhandlungen an diesem Punkt mit einer Anekdote, noch besser sind Fun Facts, sie funktionieren immer, es ist immer wieder verblüffend, selbst bei einem kulturell oder ethnisch diversen Publikum: Dienstags wird in den Yards am wenigsten Alkohol konsumiert, freitags am meisten; Auswertungen haben ergeben, dass Becks-Trinker eher rechtskonservativ wählen, Cognac-Trinker linksdemokratisch; gleiches gilt für Porsche- und BMW- vs. Google-, VW- und Mercedesfahrer; die englische Bulldogge ist das beliebteste Haustier unter den O-Yanern, so der Spitzname, der sich für die Bewohner der Orchid Yards eingebürgert hat. Und überhaupt wurden in den Yards bisher mehr Hunde als Kinder zur Welt gebracht, aber das liegt wohl auch an einem unseriösen Hundeausgehservice, der sich mittlerweile gegen eine Sammelklage vor Gericht verantworten muss. – Jedenfalls folgt an dieser Stelle nichts, was ausdrücklich in seinem Redemanuskript vermerkt wäre, darin ist er gut, vor allem kommt es gut bei einem Publikum an, das gewohnt ist, Vorgefertigtes zu schlucken, Informationshappen, zum sofortigen Verzehr durch einen numerischen Fleischwolf gejagt, der seine Wirkung zwar nicht verfehlen, aber sehr wohl mit einem hohen Sättigungsgrad seiner Zuhörer rechnen muss. Dennoch verbucht der Vorstandsvorsitzende die Abschweifungen spontan als nicht zielführend, plötzlich von einem Wunsch nach klaren Worten gepackt: „In den Yards fragen wir nach dem Was“, erklärt er jetzt, die Aufmerksamkeit der Zuhörer erneut auf sich ziehend, „nicht dem Warum. Es ist das Interesse an Möglichkeiten, nicht an Gründen, die den Erfolg der Projects verantworten, und die die Energien freigesetzt haben, um ein Gesamtkonzept für ein zukunfts- und adaptierfähiges Stadtleben aus der Taufe zu heben.“

Auszug aus „Orchid Yards“, in: Philipp Schönthaler "Vor Anbruch der Morgenröte“, Matthes Seitz Berlin, erscheint demnächst

 
Alle Rechte am Text liegen beim Autor.
 
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siehe auch Denkzeichen LXXVIII, Michael Birn, 7. April 2015, No Future - A Masterplan

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