Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz
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Das Denkzeichen. Vollelektronische Kolumne für Zeitgeist und Realitätszuwachs. Redaktion Thomas Martin

Denkzeichen CXLVI
Frank Raddatz, 29. Mai 2017

FLACHGELEGT

I.

Unter dem Begriff der Kreativität wird vereinheitlicht, was das philosophische Denken traditionell als Gegensätze fasst. Werbung und Kunst zum Beispiel. Für die ästhetische Logik handelt es sich um zweierlei. Die Reklame unterliegt einem Zweck, der darin besteht, Produkte an den Mann zu bringen und Mammon einzuheimsen. Das Kunstwerk aber ist keinem Zweck untergeordnet, vielmehr sieht Immanuel Kant dessen Wesen von einer „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ bestimmt. Sinnlichkeit und Denken werden zugleich stimuliert und ein freies Spiel dieser Kräfte eröffnet, ohne dass ein Zweck dazwischen funkt, der sagt: Kauf mich! Auf dieser Freiheit wird in der Epoche der Moderne die Autonomie der Kunst satteln. Dass diese Autonomie mit der zweckgebundenen Unfreiheit der nicht-künstlerischen Produkte schlichtweg unvereinbar ist, liegt auf der Hand.
Andreas Reckwitz beschreibt wie in unserer Gegenwart das Kreativitätsdispositiv zu einem bedeutenden Gravitationszentrum des globalen Kapitalismus wird. Das Wie der Waren wird im postindustriellen Zeitalter zum entscheidenden Faktor. Ihre attraktive Gestaltung verspricht höchste Gewinnmargen. Creative City lautet der Topos unter dem gegenwärtig die kulturelle Zukunft der globalisierten Städte als eine ökonomische geplant wird. Je mehr Geld im kreativen Sektor fließt, umso vermögender die Stadt.
US-amerikanischer Pragmatismus sortiert den ästhetischen Apparat eines subventionierten Theaters unter der Rubrik Entertainment ins Regal. Dort findet es sich verdattert neben anderen auf Wertschöpfung ausgerichteten Instrumenten wieder. Die von Kant beschriebene Dichotomie wird nicht aufgehoben sondern schlicht eingeebnet oder ignoriert. Unter der weiten Klammer Kreativität lassen sich Volkshochschulen neben Akteuren der verschiedensten Branchen listen, die jene Oberflächenreize triggern, die zum Kauf von diesem oder jenen animieren. Siehe: http://www.kreativkultur.berlin/de/. Wie aber hat man sich, über dieses Portal hinaus, das Feld vorzustellen, auf dem eine zuweilen ruppige politische Kunst mit kommerziell tickenden Akteuren verschaltet wird? Wie kommen Heiner Müllers geschichtsphilosophische Blutgrätschen mit touristischer Folklore zusammen? Konsens herrscht bezüglich des partizipativen Raums, in dem sich die vom Kapital angemahnte Zwangsheirat vollziehen soll. Er hat wohltemperiert zu sein. Freundlich. Soll er doch sozialen Kitt produzieren, wie der Vater der relationalen Kunst Nicolas Bourriaud behauptet, der die Aufgabe der Kunst darin erblickt, die Risse der Gesellschaft – ja was? – zu kitten. Ein glücklicher Raum, jedenfalls mit Gaston Bachelard gesprochen, wo zwischen das Ich und seiner Maske kein Groschen mehr passt. Künstler und Publikum werden wie Anbieter und Kunde durch einen Geist der Komplizenschaft miteinander verschworen. Wie sich auf dieser Fläche eine Ästhetik des Schreckens oder ein mit dem traditionellen Katharsisbegriff ausgestattetes Theater, das Furcht und Mitleid, oder Furcht und Lust erzeugen will, zum Zuge kommen kann, bleibt allerdings rätselhaft. Ausgemerzt werden soll eine Konfliktbereitschaft, die Heiner Müller noch für unabdingbar hielt, um den Kreis der künstlerischen Wahrheit auszuschreiten: “Jedem Autor passieren Texte, gegen die sich ‚die Feder sträubt‘; wer ihr nachgibt, um der Kollision mit dem Publikum auszuweichen, ist, wie schon Friedrich Schlegel bemerkt hat, ein ‚Hundsfott‘, opfert dem Erfolg die Wirkung, verurteilt seinen Text zum Tod durch Beifall.” Ob Künstler, die sich weigern, ihre Produkte als kreative Dienstleitungen zu labeln, langfristig in Creative City zur ersten Reihe zählen, darf bezweifelt werden.
 
II.

Mein letztes Gespräch mit Bert Neumann drehte sich um das Verhältnis von Theater, Kunst und Markt. Durch seinen plötzlichen Tod konnten wir den geplanten Dialog nicht fortsetzen. Unser Thema wäre gewesen, wann Kunst und Marketing derart ineinander verschränkt werden, das sie ununterscheidbar werden. Nach Aussagen mancher Theoretiker ist das bereits der Fall. Wenn ich Alexander Garcia Düttmann richtig verstehe, ist die Gegenwartskunst ökonomisch imprägniert. Auch Jacques Rancières These, dass die Gegenwartskunst darauf beruht, dass sie die Differenz zwischen Kritik und Affirmation durch ein sowohl als auch ersetzt hat, weist in diese Richtung.
 
III.

Besucher aus dem Zentrum der Milchstraße, die irgendwann einmal archäologische Feldforschungen auf dem hiesigen Terrain des Planeten durchführen, werden es kaum für einen Zufall halten, dass ausgerechnet ein Kulturstaatssekretär, der aus der Kreativindustrie kommt, das Ende der jetzigen Volksbühne herbeiführte. Entsorgt wird das weltweit bislang singuläre Modell eines vertikalen Theaters. Nicht weil es old school ist, wie die Akteure einer umfassenden Horizontalisierung propagieren, das wäre eher das Theater eines Claus Peymann, eines Peter Stein, einer Andrea Breth oder Alvis Hermanis, sondern weil der Bezug auf das Vergangene überhaupt der Globalisierungselite als überholt oder provinziell gilt. Die Chiffre OST auf dem Dach der Volksbühne tickt analog, so das überstürzte Urteil. Die Außerirdischen wird es kaum wundern, dass gerade an dieser exponierten Koordinate zwei wesensfremde Modelle von Kunst und Kultur aufeinander stoßen.
Was sich rhetorisch als globale Metropolenkunst inszeniert, weiß sich mit dem Geist der Zeit im Bunde. Denn im Gegensatz zu einer diachronen, auf verschiedenen Zeiteben zugleich agierenden Betrachtungsweise prägt der “affektive Präsentismus” oder die  radikale Orientierung am Gegenwärtigen die digitale Medialität insgesamt und entsprechend die Subjekte“, so Andreas Reckwitz in seinem Vortrag auf dem Symposium >Endstation Zukunft< am 08. 01. 2016 in Köln.
Die Verabsolutierung der Gegenwart definiert das herrschende Zeitregime. Dagegen generiert der Bezug auf das Gewesene, auf die Toten, Widerstand. Wo die Präsentation von Präsenz das dominierende Paradigma stellt, legt sich die Vertikale quer. Kunst/ Theater wird Korrektiv, sie wird zu einer Gegenkraft, welche die Risse vergrößert statt schließt. Das Theater muss sich entscheiden, ob es sich auf eine Stimme im Chor der Kreativen reduzieren lassen will, auf einen jederzeit durch Installationen ersetzbaren Akteur im sprachlosen performativen Kanon, oder den Kampf gegen die Vormacht der unendlichen   Gegenwart aufnimmt. Dazu herauszufinden wie ein Zeitbegriff aussieht, der aus der Zukunft kommt, ist die Bühne da. Das vertikale Theater ist weder linear noch museal sein. Im Gegenteil die diachrone Betrachtungsweise operiert parallel mit unterschiedlichen Zeitschichten, zeigt Verbindungen, wo zuvor keine waren, verwandelt das Gewesene in ein Möglichkeitsfeld verpasster, oder auch mutwillig zerstörter Gelegenheiten.

 

Alle Rechte am Text liegen beim Autor.

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