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No Service / Gegen die Konsenskultur


Spielzeit 2015/2016

Der Soziologe Heinz Bude fordert in einem Interview Theater und Künstler auf, als sozialpsychologische Konfliktbewältigungsinstanz Verantwortung zu übernehmen. „Man darf kein dummes Zeug erzählen“ schreibt er den Theatermachern ins Jahrbuch. Man möchte ihm ja zustimmen, angesichts der vielen unterkomplexen, glatten und unterfordernden Aufführungen, die das Theater hervorbringt. Gleichzeitig  sträubt sich alles in einem gegen dieses Gebot, wenn man sieht, wie überall beflissene Kulturarbeiter voll innerer Qualen sich bemühen, bloß nichts Falsches zu sagen und ihre Nützlichkeit und Konsensfähigkeit zu beweisen. Die Verantwortung, die sie bei ihren enormen Anpassungsleistungen übernehmen, ist dabei meist in erster Linie die Verantwortung für den eigenen immer gefährdeten Job, auch wenn der unter noch so prekären Bedingungen ausgeübt wird.

Gab es nicht einmal Kunst als ästhetische Heterotopie, die auch als Raum für das Verantwortungslose gedacht war, als Ort des Unsinns und des Wagnisses, oder wie schon Friedrich Schiller forderte, als „fröhliches Reich des Spiels und des Scheins, in dem der Mensch von allen Verhältnissen befreit und von allem, was Zwang heißt, sei es im Physischen, sei es im Moralischen, entbunden ist“? Und in dem auch Platz ist für „das Dumme, das nicht gut Begründete“, das für einen Maler wie Daniel Richter noch immer das Interessanteste an der Kunst ist? Voraussichtlich müssen wir diese Art nicht gut begründeter Kunstpraxis bald vergessen. „Stadtentwicklung, Tourismus, Kultur und die Volksbühne“ möchte der nächste Intendant verbinden, im Kunst-Magazin des Tagesspiegels, September 2015, wobei er den Tourismus noch in „Kultur-, Rucksack- und Armutstourismus“ unterteilt. (Was immer Letzteres sein mag. Meint er Flüchtlinge?) Dann endlich kann die Kunst wirklich wichtig werden und Berlin konkurrenzfähiger machen. Vielleicht ist es aber auch das Ende der Kunst. Denn „sobald das Ästhetische zu einer Produktivkraft im postdisziplinären Kapitalismus wird, ist es seiner Kraft beraubt“. (Christoph Menke) Wenn Kunst als Teil des Funktionssystems Zwecke, und seien sie noch so gut gemeint und begründet, realisieren muss, ist es vorbei mit ihr. Sie unterwirft sich wie alles andere der Logik erfolgreicher Praxis. Sie verkörpert nicht mehr die andere dunkle Seite, sie schwimmt mit.

In dieser Spielzeit und in der nächsten arbeitet die Volksbühne, anachronistisch wie sie nun mal ist, noch mit dem alten Kunstbegriff.  Das heißt auch: sie versucht, einem Theater treu zu bleiben, das im Wesentlichen Tragödie ist, das sich mit der Unvermeidlichkeit des Scheiterns offensiv auseinandersetzt. „Tragik ist das Modell für alle halbwegs realistischen Leute, die an den Sozialismus glauben“, meint der schon oben zitierte Heinz Bude. Der lobt die alte „Bundesrepublik“, weil sie eine „ironische Gesellschaft“ gewesen sei, die schon mit Adenauer „jede utopische Idee, auf die alles hin- oder zuläuft“ verabschiedet habe. Das klingt so, als sei die Tragödie ein obsoletes Resultat des Sozialismus oder eine im Westen schon lange überwundene Errungenschaft der DDR. Es könnte aber auch sein, dass die Überwindung des Tragischen zugunsten politischer und ökonomischer Orientierungen die eigentliche Tragödie ist. Am Ende des letzten Jahrhunderts, als die Tragödien der Gegenwart noch weniger sichtbar waren als heute, schrieb der französische keineswegs sozialistische Wirtschaftswissenschaftler Alain Minc: „Ich weiß nicht, ob Geschichte tragisch ist. Aber ich bin überzeugt, dass man so tun muss, als ob sie es sei, damit sie es nicht wird.“ Wahrscheinlich war das der Grund, warum man in Athen vor 2500 Jahren diese radikale und immer noch ungeheure Kunstform erfunden und staatlich finanziert hat. Solange die Tragödie florierte, florierte auch die Polis. Mit ihrem Verschwinden begann der Niedergang. Aus Tragödienbewusstsein entsteht Hoffnung. Fehlendes Tragödienbewusstsein generiert Tragödien. Hoffnung, die mehr ist als Augenwischerei, ist möglich, wenn man sich der Verzweiflung, der Verwirrung und dem Wahnsinn nicht verschließt, wenn man sich nichts vormacht, wenn man ohne Beschönigung hinter die Fassade blickt, auch wenn es wehtut. Wenigstens im Theater. Die Alternative ist Fronttheater, das, je düsterer die Lage ist, desto blendender wirken muss. Im Fronttheater gibt es keine Tragödien und keine zynischen Farcen, stattdessen aufbauende Lügen, harmlose Belustigung und jede Menge Ringelpiez. Die Volksbühne eignet sich bisher nicht zum Fronttheater.

Im Oktober wurde in der Volksbühne der neue von Bert Neumann entworfene schwarze Theaterraum gebaut. Am 6. November wurde er mit Frank Castorfs Inszenierung von „Die Brüder Karamasow“ eingeweiht. Dieser Roman Dostojewskijs verbindet Elemente der antiken Tragödie mit der modernen Tragödienerfahrung seit Nietzsche, der dem russischen Dichter viel verdankt: In Dostojewskijs Roman sind es die „polyphonen Stimmen“ (Michail Bachtin) seiner Romangestalten, das existentielle Ringen gleichberechtigter sich aber gegenseitig ausschließender Ansichten und Weltbilder, die sich angesichts einer nicht zu beseitigenden Übermacht des Nicht-Subjektiven, also dessen, was wir nicht im Griff haben und das trotzdem unser Leben ausmacht, in einem tragischen Prozess fortwährend selbst durchkreuzen. „And you don’t understand, ’cause it’s bigger than you.“ (John Martyn „Road to ruin“ 1970)

„Die Brüder Karamasow“ ist Dostojewskijs letzter großer Roman, und das letzte von insgesamt sieben Dostojewskij-Werken, das Castorf an der Volksbühne zur Aufführung bringt. Das Gemälde, das in einer riesigen Kopie im Oktober die Front der Volksbühne ziert, „Der tote Christus im Grab“ von Hans Holbein dem Jüngeren (1521), hat Dostojewskij wie kein anderes Kunstwerk provoziert und herausgefordert, als er es 1887 bei einem Besuch im Basler Kunstmuseum, wo es bis heute hängt, entdeckte. Schon im „Idiot“ hat dieses Bild eine magische Wirkung auf die Protagonisten des Romans. Und in Castorf/Neumanns „Karamasow“ spielt die Reproduktion des toten Gottes in Originalgröße eine wichtige Rolle. 

Carl Hegemann
 

Premierenüberblick 2015/2016

Existenz Palast
von Theo Altenberg
vom 3. bis 6. September 2015

Rebel Dabble Babble Berlin
von Paul + Damon McCarthy
Installation vom 12. bis 27. September 2015

Die Brüder Karamasow
nach Fjodor M. Dostojewskij
Eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen
Regie: Frank Castorf
Berliner Premiere am 6. November 2015

Service / No service
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Uraufführung am 3. Dezember 2015

Wir sind die Guten
Adventskalender von Markus Öhrn
vom 1. bis 24. Dezember 2015 im 3. Stock

Judith         
Tragödie von Friedrich Hebbel
Regie: Frank Castorf
Premiere am 20. Januar 2016

Hallelujah (Ein Reservat)
von Christoph Marthaler und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler
Uraufführung am 18. Februar 2016

Krieg
Oper in einem Akt.
von Ragnar Kjartansson / Kjartan Sveinsson
Uraufführung am 11. März 2016
Schwarze Serie
   
Sommergäste
nach Maxim Gorki
eine Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin
Regie: Silvia Rieger
Premiere am 15. März 2016
Schwarze Serie

Troja
von Esther Preußler, Nina Peller und Thilo Fischer
Uraufführung am 22. März 2016
Schwarze Serie

Exodus
Terrorkampagne mit Musik nach DJ Stalingrad
– in der Fassung von Thomas Martin
Regie: Sebastian Klink
Uraufführung am 25. März 2016
Schwarze Serie

Locus Solus
nach Raymond Roussel
Regie: Krzysztof Garbaczewski
Premiere am 6. April 2016
Schwarze Serie

JONA
(nach Inge Müller) von Lothar Trolle
Regie: Silvia Rieger
Uraufführung am 14. April 2016
Schwarze Serie

War and Peace
von Gob Squad
eine Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen
Berliner Premiere am 20. April 2016
Schwarze Serie

I love you, but I've chosen Entdramatisierung
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Uraufführung am 4. Mai 2016

Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière
Das Leben des Herrn Molière
nach Michail Bulgakow
Regie: Frank Castorf
Premiere am 26. Mai 2016
Verschoben auf den 28. Mai 2016

Apokalypse
nach der Offenbarung des Johannes
Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen
Regie: Herbert Fritsch
Uraufführung am 9. Juni 2016 in Recklinghausen
Berliner Premiere am 22. Juni 2016
 

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