Theaterpreis Berlin 2017

Frank Castorf zur Verleihung des Theaterpreises Berlin 2017 der Stiftung Preußische Seehandlung an Herbert Fritsch

Haus der Berliner Festspiele am 7. Mai 2017

Ja, lieber Herbert, ich freue mich sehr, dass du diesen Preis bekommen hast. Ich freue mich eigentlich immer, wenn das Alter noch eine Tür offen lässt für Hoffnung und Optimismus und jemand so zukunftsweisend geehrt wird. Und dass du auch sonst in dieser nicht nur erfreulichen Zeit so viel Hoffnung und Optimismus verbreitest, ist etwas sehr Besonderes – als großer Organisator, nicht mehr so ganz schlank und jung, aber immer noch voller Freude, mit sehr grellen Farben, gelb und schwarz und – wir haben‘s gerade gesehen – sogar mit rosa.

Also, ich versuche mich zu erinnern und Erinnerungen dürfen und müssen abwegig sein, das macht ja ihre Schönheit aus. Gemeinsam sind wir beim Theatertreffen 1990 der geballten Westberliner Öffentlichkeit mit „Miss Sara Sampson“ begegnet, das haben wir zusammen ausgehalten. Die Arbeit ist am Residenztheater in München herausgekommen und dort haben Herbert und ich uns kennen gelernt. Der damalige Intendant Günther Beelitz stellte mir einen Schauspieler vor. Das wär' Herbert Fritsch, sagte er. Und wir haben angefangen zu spielen. Hier, im Haus der Berliner Festspiele, das sich damals noch „Freie Volksbühne“ nannte, waren wir auch. Und wir erlebten hier lange bevor ich in Bayreuth dieses großes Erfolgserlebnis hatte, 15 Minuten etwas, das so wogte wie ein Meer, ein Meer von Buhrufen. So war das auch schon gewesen, als wir die Premiere im Residenztheater hatten. Wir, das waren fünf oder sechs Außenseiter. Kein Mensch hat uns gegrüßt, wir saßen allein in der Kantine und jeder hat weggeguckt. Die Premiere war großartig. Ein Schauspieler, Michael Mendl, der sich später bei mir entschuldigt hat, ist vor Empörung zusammen gebrochen auf seinem Prinzregententheaterstuhl. Es war viel los. Eigentlich waren es nur Triebsituationen, in die wir das erste deutsche „bürgerliche Trauerspiel“, „Miss Sara Sampson“, aufgelöst hatten. Das ist eine Möglichkeit, das muss man natürlich nicht so machen. Und da haben wir zusammen gearbeitet, es war 1989, da gab es noch diese Deutsche Demokratische Republik. Und Herbert kam irgendwann zu mir nach drei Wochen Arbeit und sagte: „Weißt du Frank, ich möchte aussteigen.“ „Ja, das verstehe ich“, sagte ich, „aber ein paar Tage können wir vielleicht noch bis zu den Sommerferien durchhalten.“ „Nein, nicht weil es mir nicht gefällt, sondern weil es mir so gut gefällt. Ich habe Angst, dass ich wieder enttäuscht werde in meinem Leben, und da mach ich lieber vorher den Schlussstrich und steige aus.“ „Ja“, sagte ich wieder, „können wir versuchen, aber lass uns noch ein bisschen weitermachen.“ Und das haben wir dann relativ lange gemacht. So haben wir uns kennen gelernt. Und diese Arbeit war nur möglich, weil es einen Intendanten gab, der sie beschützt hat. Das ist auch nicht selbstverständlich. Wenn man hier runterguckt, wer sitzt da? Wo ist Herr Müller? Übrigens habe ich auch mal den Preis bekommen, zusammen mit Herrn Hübchen. Und Herr Diepgen war damals anwesend bei uns, obwohl wir kein besonders freundliches Verhältnis zueinander hatten. Aber wir konnten das Problem lösen, indem wir uns über die damals erfolgreiche „Hertha“ unterhalten haben. Das reichte auch.

Was ist das mit Herbert? Das kann ich nur über die Vergangenheit herausfinden weil ich von der Gegenwart so wenig weiß. Mich interessiert die Vergangenheit und dadurch die Zukunft. Die Gegenwart nehme ich nicht so gern zur Kenntnis. Herbert hat mir damals viele Filme gezeigt, zum Beispiel den „Zitterchor“, der ist hochinteressant. Er hat ihn irgendwann in den 80iger Jahren gedreht mit vielen, jetzt berühmten Freunden. Ich habe mir den gestern wieder angeguckt – also für meine Laudatio. Da sieht man Menschen, die langsam aus dem Wasser kommen, dünne schlanke Menschen in Badehosen. Unglaublich, was sie spielen: Es ist Zittern. Herbert hat sie gebadet, wahrscheinlich im Spätherbst und nicht unter zwei Stunden. Sie kamen heraus in einem Zustand, den kann man auf der Bühne oder vor der Kamera übersetzen... sie zitterten... das war offenbar das Programm: Zittern. Und das über 20 Minuten. Der Film hieß ja auch „Zitterchor“ oder „Zitteraal“, glaube ich. Erst gab es nur Wasser und dann kamen die Frauen und Männer. Irgendwann hat man an die Vampire von Carpenter gedacht. An die Angst, die hochkommt, wenn wir über Vampire reden, über das Unbewusste, über das Körperliche. Sie guckten in die Kamera, mit einer Buster-Keaton-haften Distanz zu Allem. Ein wunderbarer Film. Davon habe ich einige gesehen aus Herberts erstaunlichem Filmschaffen und einen, der mich nie losgelassen hat. Ich habe einen Dramaturgen gebeten, ihn mir zu besorgen. Wir gelten ja als das Theater, wo jeder Schauspieler einen Dramaturgen hat, in dieser Hinsicht sind wir wirklich Weltspitze. Aber es hat trotzdem nicht so richtig geklappt mit dem Film. Also muss ich aus der Erinnerung schöpfen. Herbert sagte mir, der Film heißt "Prometheus". Und da hat er sich – ich glaube 48 Stunden, er sagt, es waren 15 – in einem Krankenhaus nackt auf eine Bahre gelegt und das gefilmt. Es ist so unglaublich, zu sehen, was in 15 Stunden mit dem Körper eines Menschen passiert. Der Körper fängt an zu sprechen, er lebt aus sich selbst. Man sieht, wie alles aufhört: der Wille, der Geist, das Selbstbewusstsein, die Formung, alles hört auf und die Natur fordert ihr Recht. Das war ein Selbstversuch, wie man ihn damals nur selten sehen konnte. Es ist atemberaubend, wie in dem Film die Haare wachsen und die Nägel, wie der Schweiß kommt. Heute interessiert man sich nur noch für die Vermaskung, die glatte Oberfläche, aber unter der Maske ist immer noch der Schauspieler, der Musiker, es kommt der Schweiß zur Maske, zur Schminke und hat dort auch ein interessantes Programm der Vermischung, so wie in unserm Leben. Wir überformen uns und manchmal, wenn wir uns überanstrengen, aus der Kurve getragen werden, merken wir, da drunter ist ja tatsächlich ein Mensch. Und damals gab es das pur. Das war aber auch immer ein bisschen unser Problem beim Arbeiten. Denn Herbert war ein Außenseiter wie Kirillow bei Dostojewski, der dem Stawrogin, dem Zyniker, dem Nihilisten, dem Mädchenschänder sagt: „Die Menschen sind nicht gut, weil sie nicht wissen, daß sie gut sind. Sobald sie das erkennen werden, werden sie kein Mädchen mehr vergewaltigen. Sie müssen erkennen, daß sie gut sind, und alle werden sofort gut werden, alle, ohne Ausnahme.“ Und weiter: „Wer da lehren wird, daß alle gut sind, der wird die Welt zur Vollendung führen.“ Daraufhin Stawrogin: „Den, der das gelehrt hat, hat man gekreuzigt.“ Kirillow: „Er wird kommen, und sein Name wird Menschgott sein.“ „Gottmensch?“ „Menschgott; das ist ein Unterschied.“ Ich glaube wenn man am Ende seines Lebens beginnt, darüber nachzudenken, wie man sich retten kann, ist es wichtig, dass man sich in dieser Form von Grellheit klar macht, dass das Leben eigentlich gut ist. Wir müssen daran glauben. Wie dieser Kirillow, dieser Außenseiter, in Dostojewskis „Dämonen“.

Wir haben viele sehr verschiedene Schauspieler an der Volksbühne gehabt. Und das Schöne war, dass die Verschiedenheit das ist, was einen zusammenführt. Und Herbert war immer besonders verschieden, weil er auf diesen Körper aufmerksam gemacht hat, auf diese Überforderung, auf dieses Nackte. Es gibt diesen Gedanken in der Philosophie, wir alle kennen das von Descartes: „Ich denke, also bin ich“. Der Materialist Spinoza und sein späterer Freund Feuerbach fragten dagegen: Wie ist das eigentlich mit der Eigenständigkeit dieses Körpers? Wir machen ja alles mit dem Denken, wir versuchen diese Maschine in uns, die Natur in uns zu reglementieren, zu disziplinieren, zu harmonisieren. Der umgekehrte Weg ist interessanter: Das Nachttiefe oder – wenn man so will – auch das Schlafwandlerische: Was macht diese Maschine mit uns? Sie zwingt uns zu einem anderen Denken. Das ist etwas sehr Wichtiges: das Körperliche, das Exzessive und das Wissen um die nicht von uns selbst gesteuerten Prozesse, denen sich Herbert da auf seiner Bahre 15 oder 48 Stunden ausgeliefert hat., Herbert Fritsch war in all diesen Versuchen, von seinen Filmen über die Theaterstrapazen, die er uns und mir mit Lust zugebilligt hat, bis zu seinen eigenen großen Inszenierungen, immer auf der Spur dieser Nachttiefe. Und ich freue mich, dass er das so lange so durchgehalten hat.

In meiner Inszenierung „Pension Schöller“ gab es zwei Ebenen, Sie wissen das vielleicht noch, die Arbeit war auch hier eingeladen. Da gab es einen nackten Chinesen, der schon sehr gelb und sehr schwitzig war und der musste noch schwitziger werden. Und das musste eine Schlange machen, das liegt auf der Hand in „Pension Schöller“. Und es reichte nicht eine Schlange, es mussten zwei sein, und jede war mindestens einen Zentner schwer. Trotzdem waren das sehr agile, freie Wesen, diese Tiere, eben Pythonschlangen. Und da gibt es einen anderen Schauspieler bei mir, der heißt Henry Hübchen, und der machte dasselbe. Aber was Herbert mit der ganzen Kraft seines Körpers und mit Mut und Selbstüberwindung machte, das machte Henry Hübchen mit einem Paar Hosenträgern. Ich will hier eigentlich nicht sagen, wer damals mehr Erfolg hatte. Natürlich war es derjenige, der den leichteren Weg genommen hat, der Komiker. Der andere hat sich das schwer erarbeitet und sich in Gefahr begeben. Herbert und ich neigen beide dazu, uns zu beklagen. Er hat gesagt: „Ich bin ein Außenseiter, man liebt mich nicht richtig an der Volksbühne.“ Dasselbe ist bei mir auch der Fall. Aber man kann nur geliebt werden, wenn man liebt. Wenn man das nicht kann, sondern es nur gut simuliert, dann kriegt man das, was man verdient. Und trotzdem, wenn man's gut macht, kann man viele Freunde gewinnen. Das ist uns eigentlich gelungen.

Und – weil so viel von der Kunstmoderne geredet wird – der Unterschied zwischen uns beiden ist im Grunde der Unterschied von Zürich-Dada und Berlin-Dada. In Zürich findet das natürlich im berühmten Cabaret Voltaire statt – das ist der Ort, wohin man sich zurückziehen kann, wo man die bürgerlichen Werte auf den Prüfstand stellt, aber immer in der Cabaret-Umgebung bleibt. Dann kommt man nach Berlin, in diese verwüstete Stadt, auch menschlich verwüstet nach dem Ersten Weltkrieg 1918, und dann kommt dieser wütende Berlin-Dada hinzu: Huelsenbeck, aber vor allen Dingen dann Heartfield, Herzfelde, Grosz. Und für kurze Zeit entsteht da etwas Besonderes, Dada verbindet sich mit dem, was auf der Straße passiert, mit den Pflastersteinen, mit der Revolution und auch mit der Kunst. Mit der Kunst, die sich nicht mehr zurückziehen will, sondern angreift. Berlin-Dada wird nicht lange überleben. Zürich-Dada überlebt im französischen Surrealismus. Das ist, glaube ich, der Unterschied zwischen uns beiden.

Sie kennen diesen berühmten Prozess: der deutsche Reichswehroffizier in Schweinemaske, es gab ein Strafverfahren gegen Heartfield, der sich das erlaubt hatte, aber es gab keine Strafverfolgung. Immerhin. Der größte Erfolg der Kunstmoderne. Ein paar Jahre später, 1933, wird sich das ändern. Im Unterschied dazu kann man auch mit Kunst versuchen, immer wieder da zu sein und sich immer wieder klar zu machen, dass man nur diesen eigenen Körper hat. Das war immer etwas Wichtiges bei Herbert Fritsch. Und das wird er nicht verlieren. Darüber bin ich sehr glücklich, dass er mehr Mut und mehr Optimismus, vielleicht auch mehr Hoffnung in diese jetzige Zeit setzt, als ich sie habe. Ich wünsche Dir, Herbert, dass du noch möglichst lange durchhältst, denn es macht wirklich viel Freude, dir zuzugucken und den vielen Menschen, die du zumindest für Augenblicke erlöst.

Noch ein Wort zu "Murmel, Murmel": Wenn Sie sich den „Zitteraal“ angucken, können Sie sehen: das ist bereits die Sinfonie von "Murmel, Murmel", in einer Ursuppe, in wunderbaren Anfängen, die damals wahrscheinlich kein Sender ausgestrahlt hätte. Heute wär's ein Hit. So war es auch von Anfang an. Alle Sachen von Herbert wurden erstmal etwas verlacht, wie die wunderbare Einstiegsinszenierung 1992 „Die herausfallenden alten Weiber“ von Daniil Charms. Das war eine Arbeit, die man damals nicht wirklich wahrgenommen hat. Wir ja auch nicht an der Volksbühne. Aber ich glaube, du wurdest sehr viel mehr geliebt, als du vermutetest. Diese wahnsinnige Zuneigung der Leute kannst du schlecht ignorieren.

Noch einen Schlusssatz, und dann hör' ich auf, es reicht auch. Es gibt noch eine Sache, die Herbert Fritsch und mich verbindet, etwas das wir gemeinsam haben; und das ist Milli. Milli Willowitsch ist Willy Millowitsch. Ich habe Heiner Müller immer gesagt, es gibt nur einen, der den „Mann im Fahrstuhl“ wirklich sprechen kann, und das ist Willy Millowitsch, kein anderer. Und diese Form der Schamlosigkeit, an eine Rampe zu gehen, ist das Theater, die Dreistigkeit, wir spielen euch was vor, es ist Commedia dell'arte. Ich muss auch nicht viel Worte machen. Die Comédie-Française hat dafür gesorgt, dass die italienischen Komiker der Commedia dell'arte auf der Bühne nicht sprechen durften, also haben sie eine Körpersprache entwickelt, die alles enthält, was den Menschen künstlerisch ausmacht. Und an die Rampe zu gehen, Leute zu unterhalten, Quatsch zu machen, so viel Quatsch, dass es schmerzt, das ist was. Das ist ganz wichtig.

Und noch eins: Wir hatten einmal ein Gastspiel von „Endstation Amerika“ / „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams im „Bobigny“ in Paris.
Und Henry Hübchen ist manchmal pässlich, manchmal unpässlich und das ist sehr menschlich. Und wir sind auch Freunde, aber was macht man, wenn jemand sagt: „Du, ich kann nicht spielen.“ Natürlich kann man da was machen. Ich habe Herbert Fritsch am Montagabend gefragt: „Wäre das für dich denkbar?“ Und er sagte:
„Stanley Kowalski? Ich versuch’s.“ Natürlich mit Buch und natürlich mit Knopf im Ohr. Und dann sind wir in Paris und er sagt: „Lass’ mich mal, ich mach das so.“ Das war ziemlich beachtlich, mit einem halben Tag Probe. Nachher kam meine Freundin Kathrin Angerer, die Stella spielte, zu mir und sagte: „Kein Vergleich mit Henry Hübchen!“ „Naja“, sagte ich, „mit einen halben Tag Probe? Dafür find ick dit sensationell.“

Das ist so die Volksbühne, wie man sie liebt. Und, ich danke Herbert für die vielen, vielen Male, wo du eingesprungen bist, zum Beispiel mit den Konrad-Bayer-Abenden, und die Volksbühne gerettet hast. Und zwar hast du sie auch gerettet, weil Theater ohne Zuschauer langweilig ist. Das wusstest du und dafür hast du immer was getan. Dafür bin ich sehr dankbar, und ich freue mich, dass du diesen Weg, der schon 1989 vorgezeichnet war, so konsequent gegangen bist. Darüber freue und dafür bedanke ich mich.

Und alles, alles Gute, vor allem für die Zukunft, Herbert!

//