Dimiter Gotscheff

Realitätsverweigerung

Zum Tod von Mitko Gotscheff (* 26. April 1943; † 20. Oktober 2013)

Er starb am 20. Oktober. Zur Trauer um den Menschen, seine Freundlichkeit, seinen Witz, die Menge an Geschichten mit und ohne Heiner Müller, seine Vielfalt an Gesten und Grimassen, die seine Erscheinung ausgemacht haben, gehört die Trauer um den Regisseur und die Gewißheit, daß es eine neue Arbeit mit ihm an der Volksbühne nicht geben kann. Sein im Sommer diesen Jahres mit Katrin Brack in Flammen konzipierter RICHARD III. liegt auf Eis für immer. Gotscheffs Tod reißt eine Lücke in die Kunst der Kollektive, die Theater nicht nur im Idealfall ist; im Idealfall wird das Kollektiv Familie. Kunst ist ein Widerstand gegen die Realität. Der bulgarische Widerstandskämpfer Dimiter Gotscheff war im deutschen Sprachraum ein Gastarbeiter, der Literatur und Theater ebensoviel zu verdanken hat wie Literatur und Theater ihm. Die sprachliche Trennwand war ein Gewinn für diese Arbeit. Gotscheffs Qualität als Regisseur war seine unbedingte Neugier, das Lernenwollen, er war ein naiv Vergrübelter, ein neugieriger, selten zufriedener Zuschauer, der Schauspieler zu fröhlichen Sprengtrupps im Rohbau des Theaters umrüsten konnte, die ein Jenseits im Diesseits mit Gelächter und Entsetzen möglich machten und der Horizont flog in die Luft. Oft genug war es das Schweigen und die Stille, die den Bau erschütterten. Daß das Schweigen dieses Regisseurs jetzt ein endgültiges ist, macht traurig und neue Hoffnung zugleich auf Arbeit in der Kunst und Theater nach ihm. Die Hoffnung kann die Stille sein, das Schweigen des Theaters, von dem Müller anläßlich Gotscheffs 1983 schreibt, nämlich der Grund seiner Sprache, die es über die Realität hinausgehen läßt. Auch der Tod ist ein Beitrag zur Realitätsverweigerung, ob wir an ein Leben danach glauben oder nicht. Wo der Teufel alle Hände voll zu tun hat und Gott vermutlich in Bulgarien lebt, dreht sich die Welt als Scheibe im Trockeneisnebel über dem Abgrund der Schöpfung.

Thomas Martin

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Geboren am 26. 4. 1943 in Parvomei, Bulgarien. Begleitete 1962 seinen Vater in die DDR, wo er an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin Veterinärmedizin und Theaterwissenschaft studierte. 1968 Schüler von Benno Besson, Regieassistenz bei Fritz Marquardt und Kontakt mit Heiner Müller, dessen Stücke er seitdem immer wieder aufführt.

Ab 1972 erste Inszenierungen in Bulgarien und der DDR, die er im Zusammenhang mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1979 verlässt. Danach bis 1985 Inszenierungen in Bulgarien, darunter 1983 seine berühmte „Philoktet“-Inszenierung in Sofia.
1985 Einladung vom Intendanten des Kölner Schauspiels Klaus Pierwoß zu einer Gastinszenierung von Heiner Müllers „Quartett“. Gotscheff zieht nach Köln und arbeitet fortan nur noch im deutschsprachigen Theater. 1991 erhält er den Preis vom Verband der Kritiker der Berliner Akademie der Künste und wird in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ zum Regisseur des Jahres gewählt.
1993 bis 1996 fester Hausregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus. Von 1995 bis 2000 Leitungsmitglied am Schauspielhaus Bochum während der Intendanz von Leander Haußmann. Seither regelmäßiger Gast in Wien, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt/Main und Hamburg.

Dimiter Gotscheff verstarb am 20. Oktober 2013 in Berlin.

Inszenierungen von Dimiter Gotscheff an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Großes Haus
KAMPF DES NEGERS UND DER HUNDE
von Bernard-Marie Koltès
Premiere 19. November 2003
R: Dimiter Gotscheff
B: Katrin Brack
M: Bert Wrede
D: Wolfram Koch, Samuel Finzi, Almut Zilcher, Milan Peschel

Großes Haus
PHILOKTET / Heiner Müller
Premiere 9. Januar 2005
R: Keine
K: Ellen Hofmann.
D: Dimiter Gotscheff, Samuel Finzi und Sepp Bierbichler

Großes Haus
IWANOW
Dimiter Gotscheff inszeniert Anton Tschechow
Premiere 19. März 2005
R: Dimiter Gotscheff
B: Katrin Brack
K: Katrin Lea Tag
M: Sir Henry
L: Henning Streck
D: Samuel Finzi, Michael Klobe, Wolfram Koch, Thorsten Merten, Birgit Minichmayr, Milan Peschel, Silvia Rieger, Marie-Lou Sellem, Alexander Simon, Sir Henry, Winfried Wagner und Almut Zilcher

Großes Haus
DAS GROSSE FRESSEN
Dimiter Gotscheffs Uraufführung nach dem Skandalfilm der Siebziger
Premiere 26. April 2006
R: Dimiter Gotscheff
B: Katrin Brack
K: Katrin Lea Tag
M: Sir Henry
L: Henning Streck
D: Samuel Finzi, Almut Zilcher, Hendrik Arnst, Wolfram Koch, Silvia Rieger, Birgit Minichmayr, Alexander Simon, Marie-Lou Sellem, Winfried Wagner, Milan Peschel, Michael Klobe

Großes Haus
DER SELBSTMÖRDER
Gotscheff inszeniert Nikolaj Erdmanns Komödie
Premiere 7. März 2007
R: Dimiter Gotscheff
B/K: Katrin Brack
M: Sir Henry
L: Henning Streck
D: Kathrin Angerer, Samuel Finzi, Max Hopp, Irina Kastrinidis, Michael Klobe, Wolfram Koch, Sergej Lubic, Kurt Naumann, Katharina Rivilis, Marie-Lou Sellem und Axel Wandtke

Großes Haus
UBUKOENIG
Premiere am 22. Mai 2008
R: Dimiter Gotscheff
B: Katrin Brack
K: Ellen Hofmann
M: Sir Henry
L: Torsten König
D: Stephan Baumecker, Frank Büttner, Samuel Finzi, Michael Klobe, Wolfram Koch, Sebastian König, Nele Rosetz und Axel Wandtke.

AGORA, Großes Haus
Prometheus
von Aischylos, Deutsch von Heiner Müller
Nach einer Interlinear-Version von Peter Witzmann
Premiere am 20. Mai 2009
R: Dimiter Gotscheff
B/K: Mark Lammert
Musikal. Einrichtung: Sir Henry
L: Torsten König
D: Max Hopp, Sebastian König, Frank Büttner, Thorsten Merten, Maia Alban-Zapata und Trystan Pütter

Großes Haus
Die Chinesin
Eine Übermalung von Dimiter Gotscheff und Mark Lammert mit Texten aus anderen Filmen Jean-Luc Godards
Uraufführung 23. September 2010
R: Dimiter Gotscheff
Bühnenraum/K: Mark Lammert
L: Torsten König.
D: Sebastian Blomberg, Frank Büttner, Bernd Grawert, Max Hopp, Barbara Prpic, Anne Ratte-Polle und Marie-Lou Sellem

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