Am Beispiel des Hummers

von David Foster Wallace


Wallace hat in einer Reportage über das Hummer-Festival in Maine, die im Auftrag eines Gourmet-Magazins entstanden ist, das Thema „Schmerz & Kultur“ in kulinarischer Verpackung abgehandelt. Das erstklassig vermarktete „Mega-Event“ namens „Maine Lobster Festival“ entpuppt sich bei näherem Hinsehen zwar als zweitklassiger Jahrmarkt, bei noch näherem allerdings als Studienobjekt erster Güte für heikle Fragen, die an die menschliche Substanz reichen – z.B. nach der Schmerzempfindlichkeit der Hummer, die bekanntlich lebend gekocht werden. In keiner der das Massen-Spektakel begleitenden Veranstaltungen wird an diesem Punkt auch nur leise gerührt. Unverhofft sieht sich der Autor in Anbetracht des Verhaltens der Hummer beim Kochen und ungeachtet seiner fest verwurzelten Überzeugung, „dass Tiere nie so wichtig sein können wie Menschen“, vor „letzte Fragen“ gestellt, die er in aller Öffentlichkeit seinen Mitmenschen nicht mehr zumuten will. Wohin die „nicht öffentliche“, also gewissermaßen intime Behandlung des Themas führen kann, zeigt ein Text aus einem anderen Band von Wallace – „Interviews mit fiesen Männern“ – den der Regisseur Ivan Panteleev mit dem Hummer-Report verkoppelt.
Einer dieser „hideous men“ (No 46) unternimmt den zunächst befremdlichen Versuch, der Erfahrung von Schmerz, speziell von Erniedrigung und Vergewaltigung, etwas Positives abzugewinnen. Offensichtlich hat er Victor Frankls Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ gelesen. Ohne Holocaust, so der Fiese, wäre dieses Buch jedoch nie geschrieben worden. Wir geraten unversehens in trügerisches Fahrwasser und verlieren rapide an Orientierung, weil nicht mehr zu erkennen ist, ob der Sprecher als Täter argumentiert oder ob er selbst Opfer ist, unfähig, seine Erfahrung der Öffentlichkeit, die „einen Scheiß versteht“, mitzuteilen. Der als größte Hoffnung der jüngeren amerikanischen Literatur gefeierte Autor David Foster Wallace hat sich 2008 auf ausgesucht schmerzhafte Weise das Leben genommen.

  

Mit: Samuel Finzi und Sir Henry

Regie: Ivan Panteleev
Bühne: Jochen Hochfeld
Kostüme: Ulrike Köhler
Musik: Sir Henry
Licht: Johannes Zotz
Dramaturgie: Ralf Fiedler

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