Choreografie als Widerstand
Uraufführung von Mata Leão und The School of Self-Defense
Wie kann Choreografie zu einer Form der Selbstverteidigung werden? Ist es möglich, Gewalt sichtbar zu machen, ohne ihre Wirkungsweise zu wiederholen? Wie entwickelt jeder Körper seine eigene Fähigkeit des Widerstands? Mit der Repertório-Trilogie reagierten die Choreograf*innen Davi Pontes und Wallace Ferreira von Rio de Janeiro aus auf die Eskalation staatlicher Gewalt und die politischen Umbrüche, die mit dem Aufstieg der extremen Rechten im Land einhergingen. Am 29. Oktober, kurz nach der Stichwahl zur Präsidentschaftswahl in Brasilien, werden Pontes und Ferreira mit der Uraufführung von Mata Leão ihre Arbeit in Berlin präsentieren. Begleitend zu der an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz entwickelten Neuinszenierung findet das Festival The School of Self-Defense mit Voguing Balls, Gesprächen mit unter anderen Denise Ferreira da Silva, André Lepecki und Bafta Sarbo sowie Selbstverteidigungsworkshops statt.
In der Kampfsporttechnik Jiu-Jitsu bezeichnet Mata Leão einen Würgegriff, der den Gegner zum Aufgeben oder zur Ohnmacht zwingt. Direkt übersetzt bedeutet Mata Leão: „Töte den Löwen“ oder „Löwen töten“. Der Titel lässt kulturgeschichtliche Bilder in den Sinn kommen wie das Gemälde Herkules und der Nemeische Löwe von Rubens oder das vom biblischen David, der den Löwen mit bloßen Händen erwürgt. Sie erzählen von einer körperlichen Kraft, die den Menschen, während er das Tier bezwingt, selbst zum Löwen werden lässt. In Mata Leão erweitern Pontes und Ferreira ihre im Duo seit 2018 entwickelten Choreografien der Selbstverteidigung. Gemeinsam mit sechs Darsteller*innen formen sie ein Kollektiv, das Raum für Abweichung zulässt und fordert.
Elemente aus Funk und Ballroom tauchen auf, werden unterlaufen und treten in ungewohnte Beziehungen; kraftvolle Bewegungen werden von Abweichungen, Pausen und spielerischen Gesten unterbrochen. Humor und Spott werden zu Strategien der Einbindung des Publikums in einen Raum geteilter Verantwortung. Mata Leão ist eine Auseinandersetzung mit rassistischer Gewalt jenseits von Angst oder Melancholie. Das Stück eröffnet einen poethischen Raum, in dem die Beziehungen zwischen Körper und Vorstellungskraft verhandelt werden. Im Bühnenbild von Celeste Burlina verwandelt sich die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit Mata Leão in den Schauplatz für eine choreografische Intervention.
Die School of Self-Defense öffnet die Praxis von Pontes und Ferreira und überträgt sie in einen kollektiven Raum, in dem sie geteilt, weitergegeben und von anderen Perspektiven aus erweitert wird. In Workshops, Gesprächen, Performances, Ballroom-Veranstaltungen, Tanztheater und kollektiven Formaten kommen Künstler*innen, Denker*innen und Communitys aus Berlin, Brasilien und darüber hinaus zum Austausch und zur Wissensproduktion zusammen: In den diskursiven Formaten analysieren Stimmen wie die Theoretikerin Denise Ferreira da Silva globale Zusammenhänge von Rassifizierung und Gewalt. Gespräche, unter anderem mit dem Tanztheoretiker André Lepecki, öffnen außerdem den Blick auf Performance als politischen Raum, während Bafta Sarbo über die Zusammenhänge von Rassismus, gesellschaftlichen Machtverhältnissen und kapitalistischen Strukturen spricht.
Außerdem bringt ein Major Ball auf der Großen Bühne internationale und lokale Szenen zusammen. In Kategorien wie Runway, Performance oder Realness werden Identität, Zugehörigkeit und Präsenz nicht nur dargestellt, sondern hergestellt. Ein Kiki Ball im Prater richtet sich insbesondere an Nachwuchs-Performer*innen und lokale Communitys. Eingeladen sind insbesondere neue Stimmen, die hör- und sichtbar werden oder sich ausprobieren möchten.
Ergänzt wird das Wochenende durch Workshops, Vorträge und Gespräche mit internationalen Künstler*innen und Denker*innen: Die brasilianische Künstlerin Puma Camillê verbindet in ihrer Praxis Capoeira und Voguing und entwickelt daraus körperliche Strategien zwischen Kampfkunst und Performance. Ana Pi, ebenfalls aus Brasilien, arbeitet zu Körper, Erinnerung und diasporischen Narrativen und untersucht, wie sich Geschichte in Körper einschreibt. Die Künstlerin und Forscherin Castiel Vitorino Brasileiro beschäftigt sich mit Körperlichkeit, Spiritualität und Widerstand als Formen kultureller Selbstbehauptung. Eine Community Bar, bespielt von Gästen aus dem erweiterten Umfeld der School of Self-Defense, begleitet das gesamte Festival und lädt zur Begegnung ein.
Mata Leão
Wallace Ferreira, Davi Pontes
Mit: Sebastião Abreu, Koko Yeji Boanyah, Wallace Ferreira, Gavin Law, Mai-Júli Machado Nhapulo, Davi Pontes, Rayne, Galina Rodríguez
Konzept, Choreografie, Kostüm: Wallace Ferreira, Davi Pontes
Bühne: Celeste Burlina
Sound: Podeserdesligado
Licht: Shaly López
Choreografieassistenz: Vânia Doutel Vaz
Dramaturgie: Tarun Kade
Outside Eye: Marlene Monteiro Freitas
Alle Festivaltermine von The School of Self-Defense (29.10.–1.11.)
Do, 29.10., 16:00 Uhr, Roter Salon
Ana Pi / NA MATA LAB: Joy Is Not a Metaphor
Workshop auf Englisch
Uraufführung Do, 29.10., 19:30 Uhr, Große Bühne
Mata Leão
Wallace Ferreira, Davi Pontes
anschließend Premierenparty
Fr, 30.10., 13:00 Uhr, Roter Salon
Castiel Vitorino Brasileiro: Método Elementar (Elementary Method)
Workshop auf Englisch
Fr, 30.10., 14:00 Uhr, Prater an der Kastanienallee
Boxing Girls: Wendo (Feminist Self-Defense Course)
Workshop auf Englisch
Fr, 30.10., 16:00 Uhr, Roter Salon
Puma Camillê: A Workshop about Capoeira History
Workshop auf Englisch
Fr, 30.10., 17:00 Uhr, Parkettcafé
Community Bar
Fr, 30.10., 19:00 Uhr, Große Bühne
Mata Leão
Wallace Ferreira, Davi Pontes
mit einer Introduction Keynote von Denise Ferreira
Sa, 31.10., 12:00 Uhr, Roter Salon
Castiel Vitorino Brasileiro: Método Elementar (Elementary Method)
Workshop
Sa, 31.10., 14:00 Uhr, Prater an der Kastanienallee
Poethical Readings mit Valentina Desideri und Denise Ferreira da Silva
Dialog, Lesung
Sa, 31.10., 17:00 Uhr, Große Bühne
The Uprising Galore Ball
Präsentiert von Sophie Yukiko aka Yukiko Revlon und Wallace Ferreira aka Patfudyda Basquiat
Sa, 31.10. 17:00 Uhr, Parkettcafé
Community Bar
So, 1.11., 12:00 Uhr, Roter Salon
TANESHA: Intensive Kunty Class with the South American Queen
Workshop auf Englisch
So, 1.11., 16:00 Uhr, Große Bühne
Mata Leão
Davi Pontes, Wallace Ferreira
anschließend Wallace Ferreira und Davi Pontes im Gespräch mit André Lepecki
So, 1.11., 17:00 Uhr, Foyer im Prater an der Kastanienallee Community Bar
So, 1.11., 19:00 Uhr, Prater an der Kastanienallee
Between Worlds Kiki
Präsentiert von Mother Mandhla und Father Azad Laveaux
auf Englisch